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Investment-Philosophie - ein fachliches Vorwort

Wodurch unterscheidet sich ein erfolgreicher Finanzprofi von einem Laien in Gelddingen?

Nun, der echte Profi handelt überlegt. Wie aber kann das sein, wo doch schon Sokrates wusste, dass er nichts wusste ... Das gilt gerade für die bekanntlich höchst „irrational“, also fern jeglicher Logik funktionierenden Finanzmärkte. Wie anders wären die Ergebnisse von Tests erklärbar, in denen Affen bei Aktienspekulationen bessere Ergebnisse erreichten als gestandene Investmentprofis? Wohlgemerkt unter realen Bedingungen! Letztendlich kann diese Erkenntnis der Anfang zu mehr Einsicht sein. Der Quantenphysiker Werner Heisenberg stellte es in seiner Unschärferelation so dar: Das sicherste Wissen als Ergebnis physikalischer Forschung ist die fundamentale Erkenntnis über den Grad der Unsicherheit unseres Wissens über Ort und Geschwindigkeit eines Teilchens. Zugegeben, Finanzmärkte haben unglaublich wenig mit Ort und Geschwindigkeit eines Teilchens zu tun. Dennoch sollten wir uns nicht davor drücken, uns über „den Grad der Unsicherheit unseres Wissens“ Gedanken zu machen. Handeln darf nicht das Ergebnis von Wunschdenken sein! Vielmehr gilt auch und gerade für die Finanzmärkte die Forderung des Philosophen Immanuel Kant. Der rief dazu auf, sich des eigenen Verstandes zu bedienen und die Sicherheit eines Wissens im Rahmen der Vernunft zu bestimmen. „Weises Wissen“ nannte er das. Einen wichtigen Aspekt dieser philosophischen Richtschnur hat Harry Markowitz in seiner modernen Portfoliotheorie auf die Finanzmärkte übertragen. Der Volksmund würde sagen: „Nicht alle Eier in einen Korb legen!“ Doch wie viele Eier in welchen Korb? Genau das hat Markowitz durch Berechnungen analysiert, strukturiert und optimiert. Für diese Arbeiten bekam er 1990 den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften, zusammen mit Merton Miller und William Sharpe.

Aber keine Sorge, dieses Buch beschäftigt sich nicht mit den äußerst komplexen Zusammenhängen von Volatilität, Korrelation, Beta-Faktoren und dergleichen. Es soll aber sehr wohl – durch teilweise amüsante, manchmal realsatirisch gefärbte Berichte zu tatsächlichen Ereignissen – das Wissen über Fehler bei der Geldanlage schärfen. Betroffene mögen es mir nachsehen, wenn dabei mitunter etwas Sarkasmus im Spiel ist. Denken Sie immer daran, dass es keine Schande ist, Fehler zu machen. Eine Schande wäre es nur, nicht daraus zu lernen!

Zurück zur Eingangsfrage unserer kleinen Investment-Philosophie: Wodurch unterscheidet sich ein erfolgreicher Finanzprofi von einem Laien in Gelddingen? Antwort: Er handelt rational und frei von Zwängen. Sollte er zumindest. Nun ist aber das mit der Zwangsfreiheit ein sehr schwieriges Unterfangen. Wird denn beispielsweise der Mitarbeiter einer Versicherung die Police eines anderen Anbieters empfehlen, wenn sie bessere Bedingungen aufweist? Ein dreifaches Nein! Deshalb ist er für mich auch kein Finanzprofi. Er ist ein firmengebundener Produktverkäufer.

Ein mit „weisem Wissen“ gesegneter Finanzprofi bildet sich eine möglichst klare Vorstellung von den Chancen und Risiken einer Kapitalanlage.

Ähnliches gilt für freie Finanzberater, die sich leider viel zu häufig von der Provisionszwickmühle leiten lassen und nicht von der Produktqualität. Nur ein lupenreiner Honorarberater könnte wirklich frei von Einflüssen das beste Produkt vermitteln. Doch leider ist Deutschland dafür noch nicht reif. Die meisten Anleger zahlen lieber indirekt 10.000 Euro Provision, von der sie offiziell nichts wissen (wollen), statt dem Honorarberater 200 Euro pro Stunde für eine unabhängige Beratung zu gönnen.

Und wie steht es um die Zwänge auf der Ebene der Produktkonzeptionäre? Häufig ähnlich moneyfixiert. Indirekt Schuld daran ist die hohe Komplexität der heutigen Finanzmärkte. Jeder Profi muss sich spezialisieren, will er das notwendige Know-how im jeweiligen Markt im Griff haben. Allein damit aber wäre er in uninteressanten Marktphasen sozusagen arbeitslos. Und genau das ist die Krux: Anleger sollten sich immer wieder vor Augen halten, dass ein Spezialist nie offen zugeben wird, wann es am besten wäre, nichts zu tun. Nehmen wir den Immobilienmarkt vor dem Ausbruch der Finanzmarktkrise: Es wurden Objekte in London, New York und anderen Standorten mit einer Mietrendite von unter drei Prozent verkauft. Einige Jahre vorher lag deren Verzinsung bei mehr als dem Doppelten! Trotzdem wurden Fonds aufgelegt und andere Produkte konzipiert, natürlich mit dem Prädikat „bestes Angebot aller Zeiten“. Und warum? Weil der Konzeptionär ohne Umsatz Verluste schreibt. Und wie wird er sich in dieser Flaute-Situation entscheiden? Für den Kundennutzen, indem er momentan kein Produkt für einen überkauften Markt emittiert? Oder für die eigene Bilanz, indem er vorgibt, gerade jetzt ein „Schnäppchen“ an Land gezogen zu haben?

Wie erkennt ein mit „weisem Wissen“ gesegneter Finanzprofi, ob etwas „günstig“ ist oder „teuer“? Er bildet sich eine möglichst klare Vorstellung von den Chancen und den Risiken einer Kapitalanlage. Denn jede Investition bietet immer (!) beides. Auch das Sparbuch der Sparkasse hat Risiken. Neben der Bonität des Kreditinstituts beispielsweise die Inflation, die eine Verzinsung nach Steuern schnell auffrisst. Umso mehr Sorgfalt ist angebracht, wenn es gilt, Chancen und Risiken für komplexe Finanzmarktprodukte aufzuspüren. Dort ist beides häufig schwer zu beurteilen.

Doch letztendlich muss immer gefragt werden, ob den Chancen adäquate Risiken gegenüberstehen. Anders ausgedrückt, ob die Risiken mit angemessenen Renditechancen belohnt werden. Hierbei hilft stets ein Blick in die Vergangenheit. Beispiel Immobilien: In normalen Marktsituationen werfen sie eine Jahresmietrendite im Verhältnis zum Kaufpreis ab, die über der von sicheren Staatsanleihen liegt, weil die Risiken von Immobilien höher sind. Auch die umständlichere und langsamere Verkaufbarkeit – dem Fachmann als mangelnde Fungibilität bekannt – ist ein Risiko, das bezahlt werden muss. Zwei Prozentpunkte über der Marktverzinsung sollten es deshalb schon sein. Wenn nun aber in London Immobilien mit drei Prozent Mietrendite gehandelt werden und die langfristigen Pfundanleihen bester Bonität fünf Prozent abwerfen, dann stimmt längst etwas nicht mehr! Das Ergebnis ist die derzeitige Finanzmarktkrise, die im Grunde eine schmerzhafte Korrektur von dramatischen Marktübertreibungen ist.

Alles vorhersehbar. Natürlich nicht im Sinne von „wann passiert was warum?“. Aber dass irgendwann eine Korrektur kommen musste, dazu brauchte man beileibe kein Hellseher zu sein. Auch nicht für die Vorhersage, dass diese Brachialkorrektur angesichts des besonders extremen Ausschlags nach oben aus Erfahrung eine besonders starke Reaktion nach unten nach sich zieht.

Fazit: Egal, ob Anleger, Berater oder Produktlieferant – halten Sie es mit dem großen Philosophen Kant. Bedienen Sie sich des Verstandes. Hinterfragen Sie immer die Motivation und die Interessenlage anderer. Woran verdient der andere? Nicht, um es ihm zu neiden, sondern weil man so die eigene Position besser einschätzen kann. Außerdem gilt für Anleger: Lassen Sie sich die Renditechancen und die Risiken von Verzinsungseinbußen und Kapitalverlusten erläutern! Faustregel: Über Kapitalmarkt liegende Renditeversprechen ohne höhere Risiken gibt es nicht!

Wer so etwas behauptet, ist nichts weniger als unseriös, will meist nur die Gier des Anlegers schüren. Oder dessen Angst, etwas zu versäumen, zu spät zu kommen, wenn die reich machenden Sahnestücke verteilt werden. Aber Gefühle sind schlechte Ratgeber. Mit dem Kant’schen Vernunftpostulat passen sie nicht zusammen. Vernunft sollte auch für den Finanzfachmann die Richtschnur sein, wenngleich eher eine moralische. Nur so können weise Berater bewusst und auf Dauer ein zufrieden stellendes Ergebnis mit ihrem Geld oder dem Geld ihrer Kunden erzielen.

Möge dieser kleine Abstecher in die Investment-Philosophie dabei ein wenig hilfreich sein!

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